Maison Noir – Monat 2, Kapitel 4: Der Nachhall

Bisher im Maison Noir: Im Roten Zimmer hat Eleni zum ersten Mal die Führung übernommen, und Viktor hat gelernt, was echtes Loslassen bedeutet. Am Morgen danach steht eine Erkenntnis im Raum, die größer ist als eine einzelne Nacht.
Am nächsten Morgen saßen Viktor und Eleni auf der kleinen Terrasse, die zu ihrem Zimmer gehörte, während unter ihnen die Stadt erwachte. Zwischen ihnen stand ein Frühstückstablett, das keiner von beiden angerührt hatte.
„Ich habe die ganze Nacht nachgedacht“, sagte Eleni schließlich. „Über das, was ich dir gesagt habe. Dass mir das gefehlt hat.“
Viktor sah sie an, und Eleni bemerkte, wie anders sein Blick heute Morgen war – aufmerksamer, weniger auf die nächste Entscheidung gerichtet als auf sie selbst. „Und?“, fragte er.
„Ich will nicht, dass das hier bleibt“, sagte sie. „Im Roten Zimmer, meine ich. Ein Ort, an den wir einmal im Jahr zurückkehren, um uns zu erinnern, wie es sein könnte. Ich will, dass ein Teil davon mit uns nach Hause kommt.“
Viktor schwieg einen Moment, und Eleni sah, wie in ihm etwas rang – der alte Reflex, sofort eine Lösung anzubieten, einen Plan zu entwerfen, wie in einer Vorstandssitzung. Doch er hielt sich zurück.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte er stattdessen ehrlich. „Zu Hause, mit der Firma, mit allem, was auf mich wartet. Ich weiß nicht, wie ich derselbe Mann bleibe, der gestern Nacht losgelassen hat, und gleichzeitig der, der montags früh das Unternehmen führt.“
„Das musst du auch nicht gleichzeitig sein“, sagte Eleni. „Aber vielleicht öfter als einmal im Jahr.“
An der Rezeption, beim Auschecken, wartete Gabriel wie gewohnt hinter seinem Tresen. „Ich hoffe, das Rote Zimmer hat Ihnen gegeben, wofür Sie gekommen sind“, sagte er, ohne aufzusehen.
„Mehr, als wir erwartet haben“, sagte Eleni.
Gabriel reichte ihr, nicht Viktor, eine kleine Karte – schlicht, ohne die goldene Prägung der Einladungskarten, nur eine handgeschriebene Zeile: Manche Paare buchen das Zimmer ein zweites Mal. Manche brauchen es kein zweites Mal, weil sie das Gelernte mit hinausnehmen. Beides ist ein Erfolg.
Eleni faltete die Karte zusammen und steckte sie ein, während sie einen Blick zu Viktor warf, der neben ihr stand, die Hände in den Taschen, zum ersten Mal seit Langem ohne den Impuls, die nächsten Schritte durch die Lobby vorzugeben.
„Worüber redest du gerade nach?“, fragte er, als sie das Haus verließen.
„Darüber, wie unsere Wohnung aussehen müsste“, sagte Eleni, „wenn wir das, was gestern Nacht passiert ist, ernst nehmen. Nicht nur im Schlafzimmer, Viktor. Überall.“
Viktor blieb einen Moment stehen, offensichtlich unsicher, ob ihn diese Aussicht mehr beunruhigte oder erleichterte. Dann nickte er langsam – nicht mit der schnellen Entschlossenheit eines Mannes, der einen Deal abschließt, sondern mit der zögerlichen Offenheit eines Mannes, der zum ersten Mal bereit war, eine Verhandlung zu beginnen, deren Ausgang er nicht kontrollierte.
(Ende von Monat 2. Nächsten Monat geht es weiter mit einem neuen Kapitel im Maison Noir: „Die Bibliothek“.)
Glaubt ihr, Viktor und Eleni schaffen es, das Gelernte mit nach Hause zu nehmen? Schreibt eure Meinung in die Kommentare!
