Maison Noir – Monat 2, Kapitel 3: Die Tat (II)

Bisher im Maison Noir: Eleni hat im Roten Zimmer zum ersten Mal die Führung übernommen – und Viktor lernt, was es heißt, wirklich loszulassen. Doch die Nacht hält noch mehr bereit als beide erwartet hatten.
Irgendwann, Eleni hätte nicht sagen können, wann genau, veränderte sich etwas in Viktors Atmen. Es wurde unregelmäßiger, tiefer, und als sie innehielt, um nach ihm zu sehen, entdeckte sie etwas, das sie noch nie an ihm gesehen hatte: Tränen, die ihm lautlos über die Schläfen liefen, ohne dass sein Gesicht dabei schmerzverzerrt wirkte.
Sie hielt sofort inne. „Viktor. Vorhang?“
„Nein“, sagte er, und seine Stimme war brüchig auf eine Weise, die sie nicht kannte. „Nein, bitte nicht aufhören. Es ist nur—“ Er suchte nach Worten, wie ein Mann, der zum ersten Mal versuchte, etwas zu benennen, für das er nie eine Sprache gebraucht hatte. „Ich glaube, ich habe seit Jahren nicht mehr aufgehört, verantwortlich zu sein. Für die Firma, für uns, für alles. Und gerade eben, für ein paar Minuten, musste ich es nicht.“
Eleni löste den samtenen Gürtel von seinen Handgelenken, nicht weil die Regel es verlangte, sondern weil sie spürte, dass er jetzt gehalten werden musste, nicht geführt. Sie zog ihn an sich, seinen Kopf gegen ihre Schulter, und zum ersten Mal seit Jahren war es Viktor, der sich anlehnte, und Eleni, die trug.
„Das ist okay“, sagte sie leise. „Genau dafür sind wir hier.“
Sie blieben so eine Weile, ohne dass es unangenehm gewesen wäre – zwei Menschen, die neun Jahre lang nebeneinanderher gelebt hatten, endlich im selben Moment angekommen. Kein Kalender drängte, kein Meeting wartete. Nur das gedämpfte Rot des Zimmers und das ruhiger werdend Atmen zwischen ihnen.
„Ich wusste nicht, dass ich das brauche“, sagte Viktor schließlich, seine Stimme wieder gefasster, aber verändert. „Loslassen zu dürfen. Ich dachte immer, Kontrolle abzugeben wäre eine Schwäche.“
„Ist es nicht“, sagte Eleni. „Es war das Mutigste, was ich dich je habe tun sehen.“
Er richtete sich auf, sah sie an – wirklich an, auf eine Weise, wie er es seit Jahren nicht mehr getan hatte, ohne gleichzeitig an das nächste Geschäftstreffen oder die nächste Entscheidung zu denken. „Und du?“, fragte er. „Wie war es für dich, die Kontrolle zu haben?“
Eleni überlegte, bevor sie antwortete, weil sie merkte, dass die ehrliche Antwort mehr wog, als eine schnelle Antwort hätte tragen können. „Ich glaube“, sagte sie langsam, „ich habe gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat. Nicht nur heute Nacht. Schon lange.“
Die Worte hingen zwischen ihnen, schwerer als das, was in dieser Nacht zuvor geschehen war – nicht als Vorwurf, sondern als Tatsache, die beide jetzt zum ersten Mal offen aussprachen.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 4 – dem Abschluss von Monat 2.)
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