Maison Noir – Monat 1, Kapitel 2: Die Tat (I)

Bisher im Maison Noir: Maya hat das Spiegelzimmer betreten und sich Julian gegenübergesehen – im wörtlichen Sinn. Zwischen ihnen liegt eine ganze Nacht, und niemand hat es eilig.
Julian ließ ihr Zeit. Das war das Erste, was Maya wirklich verstand, als seine Hand endlich ihre Schulter fand – nicht fordernd, sondern wie eine Frage, die er ihr stellte, ohne sie auszusprechen. Sie beantwortete sie, indem sie sich nicht wegdrehte.
„Sieh hin“, sagte er leise, sein Blick über ihre Schulter hinweg auf ihr Spiegelbild gerichtet. „Nicht auf mich. Auf dich.“
Es kostete sie Überwindung. Frau Winter, dachte sie, und irgendwo zwischen dem Namen und dem Glas fand sie den Mut, den Blick zu halten, während Julians Finger den obersten Knopf ihrer Bluse öffneten. Ein Knopf, dann noch einer. Er berührte dabei kaum ihre Haut, und doch spürte Maya jede Bewegung seiner Hände, als läge zwischen Stoff und Fingerspitzen keine Distanz.
Im Spiegel sah sie eine Frau, die sie kaum wiedererkannte – nicht, weil sie anders aussah, sondern weil sie zum ersten Mal seit langem nicht den Drang verspürte, den Bauch einzuziehen oder das Kinn zu heben. Julian betrachtete sie, als gäbe es nichts an ihr zu korrigieren.
„Woran denkst du, zu wissen, dass jemand zusieht?“, fragte er, seine Stimme dicht an ihrem Ohr.
„Ich sollte mich schämen“, gab sie zu. „Aber ich tue es nicht.“
„Gut.“ Ein Wort, mehr nicht, aber es fühlte sich an wie Erlaubnis für alles, was noch kommen würde.
Er drehte sie langsam zu sich, weg vom Glas, und zum ersten Mal an diesem Abend berührten sich ihre Lippen. Kein hastiger Kuss, sondern einer, der sich Zeit nahm, als hätten sie beide beschlossen, dass die Nacht ihnen gehörte und niemandem sonst. Maya spürte, wie die Anspannung der letzten Wochen – die Scheidungspapiere, die unbeantworteten Nachrichten, das Gefühl, in ihrem eigenen Leben nur noch Zuschauerin zu sein – von ihr abfiel wie ein zu eng gewordenes Kleidungsstück.
Julian führte sie zum Bett, das im Zentrum des Zimmers stand, von allen Spiegelwänden gleichermaßen eingerahmt, sodass Maya sich, wohin sie auch blickte, selbst begegnete – mit ihm. Er legte ihr eine schmale Augenmaske aus schwarzer Seide in die Hand, bevor er sich neben sie setzte.
„Du musst sie nicht tragen“, sagte er. „Aber manche Frauen finden es leichter, sich fallen zu lassen, wenn sie nicht sehen, wer sie ansieht – nur fühlen.“
Maya betrachtete die Maske einen Moment, dann legte sie sie beiseite. „Ich will sehen“, sagte sie. „Heute Nacht will ich alles sehen.“
Etwas in Julians Gesicht veränderte sich – ein Ausdruck, den sie nicht sofort deuten konnte. Überraschung vielleicht, oder etwas, das ihr wie Respekt vorkam. Er nickte, als hätte sie eine Prüfung bestanden, von der sie nichts gewusst hatte.
„Dann lass uns langsam machen“, sagte er, und diesmal war seine Stimme rauer. „Ich will, dass du dich an jeden einzelnen Moment erinnerst.“
Was folgte, geschah in einem Tempo, das Maya seit Jahren nicht mehr erlebt hatte – nicht das gehetzte Aneinandergeraten zweier Menschen, die etwas hinter sich bringen wollten, sondern eine Annäherung, bei der jede Berührung ihren eigenen Raum bekam, bevor die nächste kam. Julians Hände fanden ihre Taille, dann ihren Nacken, immer mit derselben Frage in den Fingerspitzen: Darf ich? Und jedes Mal antwortete Maya mit einem leisen Laut, einem Näherrücken, das keine Worte brauchte.
In den Spiegeln um sie herum vervielfältigte sich die Szene ins Unendliche – Maya, wie sie den Kopf zurücklegte, Julians Hand, die sich in ihr Haar grub, das gedämpfte Licht, das über beide Körper glitt. Sie hätte nicht sagen können, wie viele Male sie sich selbst in diesem Moment begegnete, nur, dass sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht wegsehen wollte.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 3.)
Was hättet ihr an Mayas Stelle getan – die Maske aufsetzen oder alles sehen wollen? Verratet es uns in den Kommentaren.
