Maison Noir – Monat 2, Kapitel 2: Die Tat (I)

Bisher im Maison Noir: Um ihre Ehe zu retten, tauschen Viktor und Eleni im Roten Zimmer die Rollen – ab der Schwelle entscheidet Eleni, nicht ihr Mann. Der erste Schritt ist getan. Jetzt beginnt der eigentliche Abend.
Viktor saß im samtenen Sessel, das Jackett über die Lehne gelegt, die Hände auf den Knien, in einer Haltung, die Eleni nur aus Vorstandssitzungen kannte – aufrecht, kontrolliert, bereit, jederzeit das Wort zu ergreifen. Sie erkannte die Ironie sofort: Selbst im Loslassen versuchte er noch, es richtig zu machen.
„Nicht so“, sagte sie und trat vor ihn. „Du musst nichts richtig machen. Du musst nur aufhören, es zu versuchen.“
Sie sah, wie ihn das mehr verunsicherte als jede Anweisung es getan hätte. Ohne eine Aufgabe, an der er sich festhalten konnte, blieb nur er selbst übrig – und das war, wurde ihr klar, genau der Punkt.
Eleni nahm den schmalen samtenen Gürtel, der bereitlag, nicht als Werkzeug, sondern zunächst als Geste, und legte ihn locker um seine Handgelenke, mehr Symbol als Fessel. „Sag mir, wenn das zu viel ist“, sagte sie.
„Es ist nicht zu viel“, sagte Viktor, seine Stimme belegt. „Es ist nur… ungewohnt, nichts zu tun.“
„Dann gewöhn dich daran“, sagte sie, und zum ersten Mal an diesem Abend hörte sie selbst, wie viel Freude in ihrer eigenen Stimme mitschwang – nicht Macht um der Macht willen, sondern das schlichte Vergnügen, gehört zu werden, ohne etwas beweisen zu müssen.
Sie ließ ihre Hand über seine Schulter gleiten, spürte, wie sich die Anspannung darin erst verstärkte, dann, langsam, nachgab. Neun Jahre lang hatte sie Viktors Körper nur in Eile gekannt – zwischen zwei Terminen, am Ende eines langen Tages. Jetzt, ohne Uhr, ohne Kalender, nahm sie sich Zeit, ihn zu betrachten, wie er wirklich war, wenn niemand von ihm erwartete, die Situation zu führen.
„Schau mich an“, sagte sie leise, und er tat es – ein Blick, in dem keine Verhandlung mehr lag, nur Aufmerksamkeit.
Was folgte, geschah in einem Rhythmus, den keiner von beiden zuvor gekannt hatte: Eleni, die jeden Schritt bestimmte, ohne Eile, ohne den Drang, es ihm recht zu machen; Viktor, der lernte, in ihren Entscheidungen Sicherheit zu finden statt Kontrollverlust. Jede Berührung, die sie initiierte, jedes „Bleib so“ oder „Jetzt du“, verschob etwas zwischen ihnen, das jahrelang erstarrt gewesen war.
Im gedämpften roten Licht des Zimmers verlor Viktor zum ersten Mal seit Jahren das Bedürfnis, den nächsten Schritt vorauszuplanen. Er ließ sich einfach führen – von der Frau, die er neun Jahre lang zu lenken geglaubt hatte, ohne zu bemerken, wie viel sie die ganze Zeit über zurückgehalten hatte.
„Gut“, flüsterte Eleni einmal, und Viktor spürte, wie das einzelne Wort tiefer traf als jedes Kompliment, das er in seinem Berufsleben je bekommen hatte.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 3.)
Wer von euch würde lieber führen wie Eleni oder loslassen wie Viktor? Verratet es uns in den Kommentaren.
