Maison Noir – Monat 2, Kapitel 1: Der Tausch

Willkommen zurück im Maison Noir. Nach Mayas und Julians Nacht im Spiegelzimmer wechselt das Haus – wie jeden Monat – das Paar und das Zimmer. Monat 2: „Das Rote Zimmer“ mit Viktor und Eleni.
Auf dem Papier war ihre Ehe makellos. Viktor hatte das Vermögen, den Titel, den Ruf eines Mannes, der Verhandlungen gewann, bevor sie begonnen hatten. Eleni hatte das Haus, den Garten, die Kalender voller Termine, die er für sie beide plante, ohne sie zu fragen. Neun Jahre lang hatte das funktioniert. Seit einiger Zeit fühlte es sich für Eleni nicht mehr wie ein gemeinsames Leben an, sondern wie ein Projekt, das Viktor leitete.
Die Empfehlung war über eine Paartherapeutin gekommen, die selbst nie den Namen des Hauses ausgesprochen hatte – nur eine Karte über den Tisch geschoben, mit dem Hinweis, manche Paare fänden zueinander zurück, indem sie einmal alles umkehrten, was sie zu kennen glaubten.
„Sie müssen die Winklers sein.“ Gabriel stand hinter dem Empfangstresen, sein Buch heute geschlossen, als hätte er sie erwartet. Er kannte weder ihre echten Namen noch fragte er danach. „Willkommen im Haus. Das Rote Zimmer ist für Sie beide vorbereitet.“
Viktor nickte knapp, mit der routinierten Höflichkeit eines Mannes, der Begrüßungen gewohnt war, bei denen er selbst der Wichtigste im Raum blieb. Eleni bemerkte, wie seine Hand sich schon jetzt, aus reiner Gewohnheit, in ihren Rücken legte, um sie zu lenken – zur Rezeption, zum Fahrstuhl, durchs Leben.
„Das Rote Zimmer folgt einer einzigen Regel“, sagte Gabriel, „und sie gilt ab der Schwelle, nicht erst im Zimmer. Herr Winkler, Sie geben an dieser Tür jede Kontrolle ab. Nicht verhandelbar, nicht rückgängig zu machen – außer mit dem einen Wort, das Sie beide kennen. Ab hier entscheidet Ihre Frau.“
Etwas in Viktors Kiefer spannte sich an. Eleni sah es, und zum ersten Mal seit Monaten spürte sie etwas, das sie fast vergessen hatte: Neugier auf die Reaktion ihres eigenen Mannes.
„Das ist nicht mein gewohntes Terrain“, sagte Viktor, und es klang beinahe wie eine Entschuldigung.
„Ich weiß“, erwiderte Gabriel ruhig. „Deswegen sind Sie hier.“
Der Fahrstuhl in den zweiten Stock war holzvertäfelt, das Licht wärmer als im übrigen Haus. Eleni bemerkte, wie Viktor die Hände in den Taschen vergrub – eine Geste, die sie an ihm nicht kannte. Er wirkte nicht ängstlich, aber unsicher, in einer Weise, die sie seit ihrer Hochzeit nicht mehr an ihm gesehen hatte.
„Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst“, sagte sie leise, während sie vor der Tür mit der römischen Zwei standen.
„Ich will es“, sagte Viktor. „Ich habe nur keine Ahnung, wie man es tut. Loslassen, meine ich. Ich kontrolliere, seit ich zwanzig bin. Ich kontrolliere sogar, wie ich Urlaub mache.“
„Das weiß ich“, sagte Eleni, und in ihrer Stimme lag zum ersten Mal an diesem Abend keine Bitterkeit, nur Feststellung. „Deswegen sind wir hier.“
Die Tür öffnete sich in ein Zimmer, das in tiefem Rot gehalten war – schwere Vorhänge, samtene Sessel, gedämpftes Licht, das keinen Winkel zu hell erscheinen ließ. Auf einem kleinen Tisch lag eine einzelne schwarze Karte mit einer Aufschrift, die nur an Eleni gerichtet war: Ab jetzt entscheiden Sie.
Viktor sah die Karte, dann sie. Zum ersten Mal seit Jahren wartete er tatsächlich darauf, was seine Frau als Nächstes sagen würde – ohne selbst schon eine Antwort parat zu haben.
„Zieh dein Jackett aus“, sagte Eleni, und ihre eigene Stimme überraschte sie mit ihrer Ruhe. „Und dann setz dich. Wir fangen langsam an.“
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 2.)
Könntet ihr wie Viktor die Kontrolle komplett abgeben? Schreibt es uns in die Kommentare!
