erotische Erlebnisse

Maison Noir – Monat 1, Kapitel 4: Der Nachhall

Bisher im Maison Noir: Eine Nacht voller Nähe im Spiegelzimmer – und ein Geständnis von Julian, das Maya nicht erwartet hatte. Der Morgen bringt Klarheit. Und eine neue Frage.

Der Morgen im Maison Noir hatte ein anderes Licht als die Nacht – klarer, ehrlicher, ohne die Nachsicht, die Dunkelheit gewährt. Maya stand vor dem Spiegel, jetzt wieder vollständig angekleidet, und betrachtete eine Frau, die zugleich vertraut und fremd wirkte. Frau Winter war über Nacht verschwunden, aber die Frau, die zurückgeblieben war, glich auch nicht mehr ganz der, die drei Wochen zuvor eine schwarze Karte mit goldener Prägung entgegengenommen hatte.

Julian war bereits angezogen, stand am Fenster und sah auf die Stadt hinaus, die langsam erwachte. Er hatte seit seinem Geständnis nichts mehr gesagt, und Maya war ihm dankbar dafür – manche Sätze brauchten Zeit, um sich zu setzen, bevor man ihnen mit weiteren Worten begegnen konnte.

An der Rezeption wartete Gabriel bereits, sein Buch aufgeschlagen, als hätte er die ganze Nacht nicht von der Stelle bewegt. „Frau Winter“, sagte er, ohne aufzusehen, „ich hoffe, das Haus hat Ihre Erwartungen erfüllt.“

„Mehr als das“, sagte Maya, und meinte es ernst.

Gabriel reichte ihr einen kleinen, cremefarbenen Umschlag – kein Papier, das sie in dieser Nacht gesehen hatte, sondern etwas Neues. „Für Sie“, sagte er. „Falls Sie zurückkehren möchten. Das Haus merkt sich, wer bereit ist zu sehen.“

Erst draußen, im ersten kühlen Wind des Morgens, öffnete Maya den Umschlag. Keine neue Einladung für sie selbst, wie sie erwartet hatte – sondern eine zweite Karte, identisch mit jener, die Julian ihr vor drei Wochen zugesteckt hatte. Schwarz, goldene Prägung, derselbe Satz: Wenn Sie bereit sind, herauszufinden, was Sie wirklich sehen wollen.

Nur der Name auf der winzigen, handschriftlichen Notiz darunter war ein anderer. Ein Name, den Maya sofort erkannte – eine enge Freundin, mit der sie seit Monaten nicht mehr offen über ihr Privatleben gesprochen hatte, aus einem Gefühl heraus, das sie selbst nicht ganz hätte benennen können.

Sie starrte auf die Karte, dann zurück zur Lobby, doch Gabriel war bereits wieder in seinem Buch versunken, als hätte er nie aufgesehen.

Warum diese Karte? Woher wusste das Haus – oder Julian, oder wer auch immer hinter diesen Einladungen stand – überhaupt von ihrer Freundin? Und was sollte sie jetzt damit tun: die Karte weitergeben, als wäre es ein Geschenk? Sie verschwinden lassen, als hätte sie sie nie gesehen?

Maya steckte den Umschlag in ihre Tasche, den Kopf voller Fragen, die sie mit niemandem teilen konnte – am wenigsten mit der Frau, um die es ging. Julian stand bereits am Ausgang, wartete auf sie, sein Gesicht wieder ruhig, beinahe undurchsichtig, als hätte er in dieser Nacht nichts von sich preisgegeben.

„Sehen wir uns wieder?“, fragte sie, während sie gemeinsam durch die schwere Eingangstür ins Tageslicht traten.

„Das“, sagte Julian mit einem Anflug jenes Lächelns, das sie in dieser Nacht so gut kennengelernt hatte, „entscheidet das Haus meistens selbst.“

(Ende von Monat 1. Nächsten Monat geht es weiter mit einem neuen Kapitel im Maison Noir: „Das Rote Zimmer“.)

Was steckt wohl hinter der zweiten Karte? Schreibt eure Theorien in die Kommentare – wir lesen alles mit.