Maison Noir – Monat 1, Kapitel 3: Die Tat (II)

Bisher im Maison Noir: Maya und Julian sind sich im Spiegelzimmer nähergekommen, als Maya es für möglich gehalten hätte – und die Nacht ist noch lange nicht vorbei.
Später – Maya hätte nicht sagen können, wie viel später, denn die Zeit im Spiegelzimmer schien einer eigenen Ordnung zu folgen – lag sie in Julians Arm, das Herz noch immer schneller schlagend als gewöhnlich, und betrachtete die unzähligen Spiegelbilder ihrer selbst, die sich um sie herum verloren.
Sie hatte sich in dieser Nacht vollkommener gesehen gefühlt als je zuvor – nicht nur von ihm, sondern von sich selbst. Jede Berührung war auch ein Blick gewesen, jeder Blick eine Art Frage, die sie sich seit Monaten nicht mehr getraut hatte zu stellen: Wer bin ich, wenn niemand von mir erwartet, etwas Bestimmtes zu sein?
„Woran denkst du?“, fragte Julian, seine Stimme jetzt weicher, ohne die Kontrolle, die er zuvor gehabt hatte.
„Daran, dass ich meine eigene Stimme kaum wiedererkannt habe“, gestand sie. „Wie ich geklungen habe. Als würde ich zum ersten Mal seit Jahren nicht flüstern.“
Julian strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine Geste, die überraschend zärtlich wirkte nach der Intensität der letzten Stunde. „Das Haus macht das mit manchen Menschen“, sagte er. „Es nimmt ihnen nicht die Hemmung – es zeigt ihnen nur, dass sie sie die ganze Zeit selbst mitgebracht haben.“
„Und dir? Was macht es mit dir?“
Er zögerte, was Maya überraschte – bislang hatte er auf jede Frage eine Antwort parat gehabt, ruhig und sicher wie ein Mann, der genau wusste, was er tat. „Mit mir“, sagte er schließlich, „macht es etwas, das ich nicht erwartet hatte.“
Sie richtete sich leicht auf, um sein Gesicht besser zu sehen. „Was meinst du?“
„Ich komme oft hierher“, sagte er, seine Augen auf einen Punkt jenseits ihrer Schulter gerichtet, als würde er in einem der Spiegel etwas suchen, das dort nicht war. „Beruflich, sagen wir. Und normalerweise bleibt es genau das – eine Nacht, ein Zimmer, eine Geschichte, die am nächsten Morgen endet. Aber heute—“ Er brach ab, schüttelte fast unmerklich den Kopf, als würde er selbst nicht glauben, was er sagen wollte.
Maya wartete. Im Glas um sie herum vervielfältigte sich die Stille zwischen ihnen, genau wie zuvor die Nähe.
„Heute will ich nicht, dass es damit endet“, sagte Julian schließlich.
Die Worte hingen im Raum, schwerer als alles, was in dieser Nacht zuvor gesagt worden war. Maya spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog – nicht Angst, aber auch nicht ganz Freude. Eher die Erkenntnis, dass diese Nacht, die als einmaliges Experiment gedacht gewesen war, gerade begann, etwas anderes zu werden, ohne dass sie wusste, ob sie darauf vorbereitet war.
„Julian“, begann sie, „ich bin genau deswegen hierhergekommen, weil ich dachte, es wäre einmalig. Weil es einfacher ist, wenn Frau Winter am Ende die Karte an der Rezeption zurücklässt und Maya am Montag in ihr altes Leben zurückkehrt.“
„Ich weiß“, sagte er. „Deswegen sage ich es jetzt auch nur einmal. Was du daraus machst, ist allein deine Entscheidung.“
Draußen dämmerte es bereits, ein blasses Grau, das durch einen schmalen Spalt in den schweren Vorhängen kroch. Die Nacht, die Maya als Flucht aus ihrem Leben begonnen hatte, war zu etwas geworden, das sie nicht mehr so einfach hinter sich lassen konnte, wie sie gehofft hatte.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 4 – dem Abschluss von Monat 1.)
Wie hättet ihr auf Julians Geständnis reagiert? Diskutiert mit uns in den Kommentaren!
