{"id":628,"date":"2026-09-20T20:00:00","date_gmt":"2026-09-20T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tinysins.de\/blog\/?p=628"},"modified":"2026-09-20T20:00:00","modified_gmt":"2026-09-20T20:00:00","slug":"maison-noir-monat-3-kapitel-1-der-insiderwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tinysins.de\/blog\/maison-noir-monat-3-kapitel-1-der-insiderwitz\/","title":{"rendered":"Maison Noir \u2013 Monat 3, Kapitel 1: Der Insiderwitz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Willkommen zur\u00fcck im Maison Noir. Nach Viktors und Elenis Nacht im Roten Zimmer wechselt das Haus erneut das Paar und das Zimmer. Monat 3: \u201eDie Bibliothek&#8221; mit Leo und Hannah.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leo und Hannah kannten sich seit dem ersten Semester. Zw\u00f6lf Jahre Freundschaft, \u00fcberstanden Umz\u00fcge, zwei gescheiterte Beziehungen auf Hannahs Seite, eine offene Partnerschaft auf Leos, unz\u00e4hlige N\u00e4chte am Telefon, wenn das Leben zu laut wurde. Sie waren, wie beide immer wieder betonten, nie mehr als das gewesen. Nur Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Witz zwischen ihnen war so alt wie die Freundschaft selbst. Damals, im ersten Semester, hatte Leo als studentische Hilfskraft Hannahs Seminararbeit korrigiert und ihr im Scherz gedroht, ihr eine Eins abzuziehen, wenn sie nicht \u201eordentlicher zitiere&#8221;. Aus dem Insiderwitz war \u00fcber die Jahre ein Running Gag geworden \u2013 \u201eProfessor Leo&#8221; und \u201edie Studentin, die nie liefert&#8221; \u2013 ohne dass er je etwas anderes gewesen w\u00e4re als eben das: ein Witz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis Hannah, nach zwei Gl\u00e4sern Wein an einem gew\u00f6hnlichen Donnerstagabend, sagte: \u201eWas, wenn wir den Witz einmal wirklich ausprobieren?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatte erwartet, dass Leo lachen w\u00fcrde. Stattdessen war es still geworden am Telefon, lange genug, dass sie schon dachte, sie h\u00e4tte etwas zerst\u00f6rt, das zw\u00f6lf Jahre gehalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch kenne einen Ort&#8221;, hatte Leo schlie\u00dflich gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt standen sie gemeinsam vor der Rezeption des Maison Noir, beide mit dem unbehaglichen Gef\u00fchl, eine Grenze zu \u00fcberschreiten, die zw\u00f6lf Jahre lang unausgesprochen zwischen ihnen gestanden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie beide m\u00fcssen die Neuank\u00f6mmlinge f\u00fcr die Bibliothek sein.&#8221; Gabriel sah kaum auf, als er ihnen die Schl\u00fcssel reichte. \u201eEin besonderes Zimmer. Manche unserer G\u00e4ste kennen sich bereits seit Jahren, bevor sie hierherfinden. Das \u00e4ndert nichts an der Regel.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd die w\u00e4re?&#8221;, fragte Hannah, mehr um die eigene Nervosit\u00e4t zu \u00fcberspielen als aus echtem Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSobald Sie die T\u00fcr der Bibliothek hinter sich schlie\u00dfen, sind Sie nicht mehr die Menschen, die sich seit zw\u00f6lf Jahren kennen&#8221;, sagte Gabriel. \u201eF\u00fcr die Dauer Ihres Aufenthalts sind Sie ausschlie\u00dflich, wer immer Sie in diesem Zimmer sein wollen. Ihre Geschichte drau\u00dfen bleibt drau\u00dfen. Was drinnen geschieht, bleibt fiktion, solange Sie es wollen \u2013 bis eines von Ihnen das Wort sagt, das alles sofort beendet.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leo und Hannah tauschten einen Blick, der mehr sagte als jedes Gespr\u00e4ch der letzten Wochen. Zw\u00f6lf Jahre lang hatten sie sich gegenseitig versichert, dass zwischen ihnen nichts als Freundschaft lag. Jetzt, vor der T\u00fcr eines Zimmers, das genau das Gegenteil versprach, wusste keiner von beiden mehr, ob das je ganz gestimmt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bibliothek empfing sie mit dem Geruch von altem Papier und Leder, dunklen Regalen bis zur Decke, einem massiven Schreibtisch aus Nussbaumholz und einem einzelnen gr\u00fcnen Leselampenschein, der den Raum in warmes, ged\u00e4mpftes Licht tauchte. Auf dem Schreibtisch lag ein einzelnes Buch, aufgeschlagen, als h\u00e4tte jemand es gerade erst zur Seite gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSetzen Sie sich, Fr\u00e4ulein Berger&#8221;, sagte Leo, und seine Stimme ver\u00e4nderte sich merklich \u2013 tiefer, langsamer, mit einer Autorit\u00e4t, die Hannah nie zuvor von ihm geh\u00f6rt hatte. Zw\u00f6lf Jahre kannte sie diesen Mann, und doch war der, der jetzt vor ihr stand, jemand, den sie zum ersten Mal traf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hannah sp\u00fcrte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog \u2013 nicht Angst, sondern die Art von Nervosit\u00e4t, die sie seit ihrem ersten Studienjahr nicht mehr gef\u00fchlt hatte. Sie setzte sich, wie gehei\u00dfen, auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIhre letzte Arbeit war&#8230; unzureichend&#8221;, sagte Leo, w\u00e4hrend er langsam um den Schreibtisch herumging. \u201eIch glaube, wir sollten das unter vier Augen besprechen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hannah biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen \u2013 nicht aus Verlegenheit, sondern weil zw\u00f6lf Jahre gemeinsamer Insiderwitze pl\u00f6tzlich real wurden, in einem Zimmer, das genau daf\u00fcr gebaut worden war. \u201eIch nehme jede Kritik an, Herr Professor&#8221;, sagte sie, und ihre eigene Stimme \u00fcberraschte sie mit ihrer Ernsthaftigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Fortsetzung folgt n\u00e4chsten Sonntag mit Kapitel 2.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hattet ihr auch schon einen jahrelangen Insiderwitz, der pl\u00f6tzlich mehr wurde? Erz\u00e4hlt es uns in den Kommentaren!<\/strong><\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen zur\u00fcck im Maison Noir. 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