Maison Noir – Monat 3, Kapitel 1: Der Insiderwitz

Willkommen zurück im Maison Noir. Nach Viktors und Elenis Nacht im Roten Zimmer wechselt das Haus erneut das Paar und das Zimmer. Monat 3: „Die Bibliothek” mit Leo und Hannah.
Leo und Hannah kannten sich seit dem ersten Semester. Zwölf Jahre Freundschaft, überstanden Umzüge, zwei gescheiterte Beziehungen auf Hannahs Seite, eine offene Partnerschaft auf Leos, unzählige Nächte am Telefon, wenn das Leben zu laut wurde. Sie waren, wie beide immer wieder betonten, nie mehr als das gewesen. Nur Freunde.
Der Witz zwischen ihnen war so alt wie die Freundschaft selbst. Damals, im ersten Semester, hatte Leo als studentische Hilfskraft Hannahs Seminararbeit korrigiert und ihr im Scherz gedroht, ihr eine Eins abzuziehen, wenn sie nicht „ordentlicher zitiere”. Aus dem Insiderwitz war über die Jahre ein Running Gag geworden – „Professor Leo” und „die Studentin, die nie liefert” – ohne dass er je etwas anderes gewesen wäre als eben das: ein Witz.
Bis Hannah, nach zwei Gläsern Wein an einem gewöhnlichen Donnerstagabend, sagte: „Was, wenn wir den Witz einmal wirklich ausprobieren?”
Sie hatte erwartet, dass Leo lachen würde. Stattdessen war es still geworden am Telefon, lange genug, dass sie schon dachte, sie hätte etwas zerstört, das zwölf Jahre gehalten hatte.
„Ich kenne einen Ort”, hatte Leo schließlich gesagt.
Jetzt standen sie gemeinsam vor der Rezeption des Maison Noir, beide mit dem unbehaglichen Gefühl, eine Grenze zu überschreiten, die zwölf Jahre lang unausgesprochen zwischen ihnen gestanden hatte.
„Sie beide müssen die Neuankömmlinge für die Bibliothek sein.” Gabriel sah kaum auf, als er ihnen die Schlüssel reichte. „Ein besonderes Zimmer. Manche unserer Gäste kennen sich bereits seit Jahren, bevor sie hierherfinden. Das ändert nichts an der Regel.”
„Und die wäre?”, fragte Hannah, mehr um die eigene Nervosität zu überspielen als aus echtem Zweifel.
„Sobald Sie die Tür der Bibliothek hinter sich schließen, sind Sie nicht mehr die Menschen, die sich seit zwölf Jahren kennen”, sagte Gabriel. „Für die Dauer Ihres Aufenthalts sind Sie ausschließlich, wer immer Sie in diesem Zimmer sein wollen. Ihre Geschichte draußen bleibt draußen. Was drinnen geschieht, bleibt fiktion, solange Sie es wollen – bis eines von Ihnen das Wort sagt, das alles sofort beendet.”
Leo und Hannah tauschten einen Blick, der mehr sagte als jedes Gespräch der letzten Wochen. Zwölf Jahre lang hatten sie sich gegenseitig versichert, dass zwischen ihnen nichts als Freundschaft lag. Jetzt, vor der Tür eines Zimmers, das genau das Gegenteil versprach, wusste keiner von beiden mehr, ob das je ganz gestimmt hatte.
Die Bibliothek empfing sie mit dem Geruch von altem Papier und Leder, dunklen Regalen bis zur Decke, einem massiven Schreibtisch aus Nussbaumholz und einem einzelnen grünen Leselampenschein, der den Raum in warmes, gedämpftes Licht tauchte. Auf dem Schreibtisch lag ein einzelnes Buch, aufgeschlagen, als hätte jemand es gerade erst zur Seite gelegt.
„Setzen Sie sich, Fräulein Berger”, sagte Leo, und seine Stimme veränderte sich merklich – tiefer, langsamer, mit einer Autorität, die Hannah nie zuvor von ihm gehört hatte. Zwölf Jahre kannte sie diesen Mann, und doch war der, der jetzt vor ihr stand, jemand, den sie zum ersten Mal traf.
Hannah spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog – nicht Angst, sondern die Art von Nervosität, die sie seit ihrem ersten Studienjahr nicht mehr gefühlt hatte. Sie setzte sich, wie geheißen, auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
„Ihre letzte Arbeit war… unzureichend”, sagte Leo, während er langsam um den Schreibtisch herumging. „Ich glaube, wir sollten das unter vier Augen besprechen.”
Hannah biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen – nicht aus Verlegenheit, sondern weil zwölf Jahre gemeinsamer Insiderwitze plötzlich real wurden, in einem Zimmer, das genau dafür gebaut worden war. „Ich nehme jede Kritik an, Herr Professor”, sagte sie, und ihre eigene Stimme überraschte sie mit ihrer Ernsthaftigkeit.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 2.)
Hattet ihr auch schon einen jahrelangen Insiderwitz, der plötzlich mehr wurde? Erzählt es uns in den Kommentaren!
