Maison Noir – Monat 4, Kapitel 1: Zu dritt

Willkommen zurück im Maison Noir. Nach Leos und Hannahs Nacht in der Bibliothek beginnt ein neues Quartal – und ein neues Zimmer öffnet sich. Monat 4: „Der Wintergarten” mit Nora, Tobias und Sofia.
Sechs Jahre waren Nora und Tobias zusammen, und in all dieser Zeit hatten sie sich immer wieder dasselbe Gespräch geführt – leise, nachts, meistens nach dem zweiten Glas Wein: Was, wenn wir uns das erlauben würden? Nicht aus Unzufriedenheit miteinander, sondern aus Neugier, die keiner von beiden für sich behalten wollte.
Sofia hatten sie vor drei Monaten kennengelernt, bei einer Vernissage, zu der beide unabhängig voneinander eingeladen waren. Es war Nora gewesen, die den ersten Blick bemerkt hatte, den Tobias und Sofia wechselten, und die, anstatt eifersüchtig zu werden, selbst neugierig geworden war. Was folgte, waren Wochen gemeinsamer Nachrichten zu dritt, vorsichtiger Annäherung, bis alle drei sich einig waren: Sie wollten es versuchen. Bewusst, offen, ohne dass einer von ihnen etwas verheimlichte.
„Sie sind die Erste, die zu dritt zu uns findet, seit ich hier arbeite”, sagte Gabriel, als er ihnen die Schlüssel zum Wintergarten reichte – ein Satz, der eher wie eine Feststellung als wie eine Wertung klang. „Das Zimmer hat trotzdem nur eine Regel, dieselbe wie überall im Haus: Alles, was einer von Ihnen in diesem Raum fühlt, muss ausgesprochen werden. Auch die unbequemen Gefühle. Besonders die.”
Nora warf Tobias einen Blick zu, der mehr Nervosität verriet, als sie beabsichtigt hatte. Sie hatte sich diesen Moment so oft ausgemalt, dass die Realität – Sofias Hand kurz an ihrer Schulter, während sie gemeinsam den Flur entlanggingen – sich seltsam größer anfühlte als jede Vorstellung.
Der Wintergarten empfing sie mit dem Geruch von feuchter Erde und Jasmin, hohen Glaswänden, hinter denen sich ein künstlicher Sternenhimmel über dicht bewachsenen Pflanzenwänden spannte. In der Mitte des Raumes stand eine breite Liegefläche, umgeben von Farnen und niedrigem Kerzenlicht, das den ganzen Raum in ein warmes Grün tauchte.
„Es ist schöner, als ich es mir vorgestellt habe”, sagte Sofia leise, und in ihrer Stimme lag dieselbe Mischung aus Vorfreude und Nervosität, die auch Nora spürte.
Tobias nahm zuerst Noras Hand, dann, nach einem fragenden Blick zu ihr, auch Sofias. „Bevor irgendetwas passiert”, sagte er, „will ich, dass wir uns noch einmal alle drei versichern. Niemand muss heute Nacht etwas tun, das sich falsch anfühlt.”
„Ich bin bereit”, sagte Nora, und meinte es, auch wenn sie spürte, wie ihr eigenes Herz schneller schlug als bei jeder Nacht, die sie je nur mit Tobias verbracht hatte.
„Ich auch”, sagte Sofia. „Auch wenn ich nervöser bin, als ich zugeben wollte.”
Nora lächelte, überrascht von der eigenen Erleichterung, dass sie nicht die Einzige war, die sich fragte, ob die Theorie der letzten Monate der Realität dieses Abends standhalten würde. Sie setzte sich auf die Liegefläche, zog Sofia neben sich, während Tobias sich ihnen gegenüber niederließ – drei Menschen, die sich bewusst entschieden hatten, einander ohne Geheimnisse zu begegnen.
„Dann fangen wir langsam an”, sagte Nora, „und wir sagen es sofort, wenn sich etwas komisch anfühlt. Versprochen?”
„Versprochen”, sagten Tobias und Sofia beinahe gleichzeitig, und in diesem kleinen, unfreiwilligen Chor lag zum ersten Mal an diesem Abend echte Leichtigkeit.
(Fortsetzung folgt nächsten Sonntag mit Kapitel 2.)
Könntet ihr euch vorstellen, eine dritte Person bewusst und offen in eure Beziehung zu lassen? Schreibt es uns in die Kommentare!
